Eine urschweizerische Kunstform 🎨 😜

Die Schweiz gilt als Land der Präzision, der Zurückhaltung und der leisen Empörung. Wir hupen nicht, wir klingeln. Wir schreien nicht, wir räuspern uns. Und wenn uns wirklich etwas stört, dann tun wir das, was wir am besten können: Wir motzen. Manchmal leise, manchmal laut aber immer gepflegt, ausdauernd und mit innerem Feuer. Der Motz ist kein Wutausbruch, er ist ein Handwerk. Eine Disziplin zwischen Dampfablass und Hochkultur, zwischen Stammtisch und Seelenreinigung. Zeit also, dieser unterschätzten Kunstform endlich die Bühne zu geben, die sie verdient.

Eine urschweizerische Kunstform 🎼

(ausgeliehen von Patrick Karpiczenk)

Kunstformen, die Ihren Ursprung komplett in der Schweiz haben, gibt es nur wenige – eine bemerkenswerte Ausnahme bildet der Motz. Der traditionell Helvetische Sprechgesang wird allein oder in Gruppen vorgetragen. Für einen gelungenen Motz muss man den Emotionen freien Lauf lassen. Aufgestauter Frust wird abgebaut und dampfförmig freigesetzt. Der Motz folgt dabei keinem klaren Schema und benutzt ein freies Versmass. Formal erinnert er an Poetry-Slam, ist aber um einiges cooler.

Der öffentliche Motz hat seine Wurzeln im privaten Groll und erfordert weder Vorkenntnisse noch spezielle Fähigkeiten. Seine niedrige Einstiegsschwelle macht den Motz zu einem direktdemokratischen Volksgut. Wir können stolz sein auf unsere hausgemachte Kunstform. Die Amerikaner haben den Rap, wir haben den Motz.

Motzen ist Fasnacht für die Seele. Doch Applaus gibt es dafür selten. Im Gegensatz zu anderen reaktionären Kunstformen wie der Oper kommt der Motz nicht in den Genuss von Kulturförderung – was zu noch mehr Motz führt. Ob anonym in den Kommentarspalten oder öffentlich im Zug – Motzen erfreut sich trotz allen Hindernissen grosser Beliebtheit.

Über die Jahre wurde der Motz zum Exportschlager. Rechtspopulisten aus aller Welt bewundern den originalen Schweizer Motz und nehmen ihn zum Vorbild für ihre eigenen Tiraden.

Persönlich kann ich mit dem Motz wenig anfangen, bevorzuge ich eher seinen eleganteren Artgenossen, den Spott. Doch als Zuhörer geniesse ich es, wenn ich zufällig in den Genuss eines Freestyle-Motzes komme. Wie gestern im Tram, als sich ein älterer Herr in mein Abteil setzte und mir 20 Minuten lang was vormotzte. Ich musste dann leider aussteigen, drückte ihm einen Fünflieber in die Hand – was ihm dann erst einmal die Sprache verschlagen hat. Jodeln ist seit dem 11. Dezember 2025 offiziell als immaterielles Weltkulturerbe von der UNESCO anerkannt. Dabei ist der Motz viel wichtiger. Er ist das Ventil, das die Schweiz vor dem Bersten bewahrt. Motzen ist ein essenzieller Akt unserer Psychohygiene – und sollte als solcher gewürdigt werden.

Patrick Karpiczenko

So bleibt uns am Ende nur eines: motzend zu nicken. Der Motz wird weiterleben – im Zug, am Stammtisch, im Kommentarbereich unter Artikeln, die niemand ganz gelesen hat. Er wird sich wandeln, digitalisieren, vielleicht eines Tages gefördert, zertifiziert und mit Subventionsgesuch versehen werden. Spätestens dann wird es Zeit für einen neuen Motz über den Motz.

Bis dahin erfüllt er treu seine Aufgabe: Er hält den inneren Druck auf helvetischem Normalniveau, verhindert spontane Revolutionen und sorgt dafür, dass wir uns nach ausgiebigem Lamentieren wieder erstaunlich gut fühlen. Der Motz mag keine Lösungen liefern, aber er schafft Ordnung im Chaos der Gefühle. Und wenn er dabei gelegentlich nervt – umso besser. Denn eine Schweiz ohne Motz wäre zwar ruhiger, aber innerlich hochgradig explosiv. 😊 😉

„Ein offenes Ohr, ein klarer Blick – und manchmal ein verschmitztes Lächeln.“ das soll auch sein! 😜

Peter Bolli

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