Vom Führen in der Politik und in unserer Gemeinde (lesen sie dazu auch mein Manifest)
Führen in der Politik bedeutet mehr als das ausüben von Macht. Es ist die Kunst, Verantwortung zu übernehmen – für Entscheidungen, für Menschen und für die Zukunft eines Gemeinwesens. Politische Führung bewegt sich stets im Spannungsfeld zwischen Überzeugung und Kompromiss, zwischen Vision und Wirklichkeit, zwischen individuellem Anspruch und kollektiver Erwartung.
Geschichte und Gegenwart zeigen, wie unterschiedlich Führung gestaltet werden kann. Persönlichkeiten wie Winston Churchill verkörperten Führung in Zeiten existenzieller Bedrohung – geprägt von Entschlossenheit und rhetorischer Kraft. Andere standen für eine nüchterne, abwägende Form der Leitung, die Stabilität und Konsens in den Vordergrund stellte. Wieder andere, etwa Nelson Mandela, verbanden politische Führung mit moralischer Autorität und der Fähigkeit zur Versöhnung.
Politische Führung verlangt zunächst Orientierung. Bürgerinnen und Bürger erwarten Antworten auf komplexe Fragen: Wie sichern wir Wohlstand? Wie bewahren wir Freiheit? Wie gestalten wir Zusammenleben in Vielfalt? Wer politisch führt, muss in der Lage sein, Ziele zu formulieren, Prioritäten zu setzen und diese nachvollziehbar zu begründen. Ohne Vision verkommt Politik zum bloßen Verwalten.
Gleichzeitig ist politische Führung ohne Dialog nicht denkbar. In demokratischen Systemen entsteht Legitimität nicht durch Autorität allein, sondern durch Beteiligung. Führung heißt hier, Mehrheiten zu organisieren, ohne Minderheiten zu übergehen. Es bedeutet, zuzuhören, Kritik auszuhalten und Kompromisse einzugehen, ohne den eigenen Wertekompass zu verlieren.
Ein weiterer Kern politischer Führung ist Verantwortlichkeit. Entscheidungen in der Politik betreffen oft Millionen Menschen und wirken langfristig. Ob in Fragen der Sozialpolitik, der internationalen Beziehungen oder des Klimaschutzes – Führung zeigt sich darin, auch unpopuläre Maßnahmen zu ergreifen, wenn sie langfristig notwendig erscheinen. Mut gehört ebenso dazu wie Demut: der Mut zur Entscheidung und die Demut vor der Tragweite des eigenen Handelns.
Schließlich ist politische Führung immer auch kommunikative Führung. Worte schaffen Wirklichkeit. Sie können Vertrauen stärken oder zerstören, Hoffnung wecken oder Ängste schüren. In einer Zeit digitaler Beschleunigung und sozialer Medien wird diese Dimension immer bedeutender. Authentizität, Transparenz und Klarheit sind zu zentralen Anforderungen geworden.
„Vom Führen in der Politik“ zu sprechen heißt daher, über Haltung zu sprechen. Gute politische Führung vereint Kompetenz mit Charakter, Macht mit Maß und Zielstrebigkeit mit Menschlichkeit. Sie ist kein statischer Zustand, sondern ein fortwährender Prozess des Lernens, Abwägens und Gestaltens.
Am Ende entscheidet nicht allein die Stärke einer Persönlichkeit, sondern die Fähigkeit, Vertrauen zu gewinnen – und es zu bewahren.
Führung und Führungsmodell in Eglisau 🧑💼
Wie bereits im Beitrag » Wo drückt der Schuh« beschrieben, ist in unserer «Stadt Eglisau» die Behördenorganisation in Geschäftskreisen organisiert. Anstelle einer Führung durch einige wenige Führungskräfte werden die Aufgaben dezentral und nach klaren Regeln auf so genannte Dienstleistungskreise verteilt.
Aktuell tobt ein Wahlkampf der besonderen Art.
Viele Bewerber für den Gemeinderat möchten sich einbringen, einige waren schon dabei, die Bisherigen, und andere, die Neuen, wollen frischen Wind in die von scheinbarer Flaute betroffenen Gemeinderatssegel blasen. 🫧
Slogans, Wie: «mittendrin statt nur dabei», oder, «Extrameilen werden unter die Füsse genommen», und jetzt soll uns auch «Führung» mit neuem Wind in neue Gefilde «Führen». Vieles wird gesagt, vieles wird versprochen, doch was sagt uns unsere gelebte Organisation und unsere heutige Organisation?
Ist unsere «Organisation, unsere Ausrichtung und die Verwaltungsstrukturen für den versprochenen neuen Wind auch ausgerichtet und bereit?
Meiner Meinung nach, ist hier sehr viel Luft im Wind. 💨
So sagt uns das Papier: «Prinzipien unserer Organisation» folgendes:
Wir sind überzeugt, dass die Gemeindeverwaltung die grossen Herausforderungen unserer Zeit mit einer flexiblen und sich laufend entwickelnden Struktur begegnen muss. Darum entwickeln wir unsere Organisation mit folgenden Grundsätzen:
Hier finden Sie eine ausführliche Beschreibung der Prinzipien unserer Organisation /Organisation: Gemeinde Eglisau
Im Papier wird die Vorstellung der politischen Führung und Miliztauglichkeit ebenso beschrieben wie die kollegiale Führung, oder die lernende Organisation.
Auch das delegieren von Verantwortung und Entscheidungskompetenzen finden wir beschrieben.
Der Aufbau der Organisation wird wie folgt vorgestellt:
Um den Zweck der Gemeindeverwaltung zu erfüllen, gliedert sie sich in eine Reihe von sich nicht überschneidenden Verantwortungsbereichen, die Kreise genannt werden. Die Kreise arbeiten im Rahmen der übergeordneten Regeln selbst organisiert und eigenverantwortlich.
Und dann folgt:
… Gemeinderat als oberstes Entscheidungsgremium und als Rückfallebene. usw.
Meiner Meinung nach, widerspricht sich, wer auch immer, sagen wir das Papier selbst, denn:
Die Geschäftskreise der Verwaltung überschneiden sich sehr wohl, so zum Beispiel das Finanzministerium in allen Belangen der Geldpolitik mit den anderen budgetverantwortlichen Ressorts. Ebenso ist die Zuständigkeit z. Bsp. der Verwaltung der Schulgebäude beim Ressort Bildung wie auch im Ressort Bau und Planung angesiedelt. Wer das endgültige sagen hat, wenn unterschiedliche Meinungen z. Bsp. zur Notwendigkeit einer Schulhaussanierung hat, ist geregelt mit: «Der Gemeinderat ist das oberste Entscheidungsgremium». Die Frage stellt sich, wer ist der Gemeinderat der entscheidet? Die kollegiale Führung, wie beschrieben, der verantwortliche Ressortleiter/in oder gar der Leiter/in eines der zuständigen Verwaltungskreise und wer ist schlussendlich in der Verantwortung gegenüber dem Souverän? Alle? Sicher ist nur, der Gemeindeschreiber ist es nicht.
Gibt uns der Absatz «kollegiale Führung» und/oder der Absatz «Delegation von Verantwortung und Entscheidungskompetenzen» eine Antwort?
Leider nein….. Es wird da sehr viel geschrieben, gute Argumente und fortschrittliche Gedanken sind zuhauf zu finden, leider aber keine konkreten Antworten und keine sichtbaren Prozesse, auch Geschäftsverantwortliche sind keine benannt.
Ich frage mich, wie kann geführt werden, wenn die Führungsverantwortung nicht als Aufgabe und Funktion zweifelsfrei bezeichnet, sichtbar, greifbar beschrieben und als Aufgabe zugewiesen ist?
Und wie soll das der nächsten Kollegial-Gemeinderat in Angriff nehmen? Dafür scheint mir die heutige Wirkkreisorganisation nicht geeignet.
Führung und Verantwortung ist nicht , oder nur sehr bedingt, teilbar. Ich denke, es muss zuerst klar definiert sein, wer das «Sagen» hat, bevor, wie vollmundig versprochen, aktiv geführt werden kann.
Vorschlag den neuen Wind zu nutzen: 💨
In der Schweiz kennen wir 7 gängige Gemeindeführungsmodelle. Sehr gut beschrieben im Buch Gemeindeführungsmodell in der Deutschschweiz, Gemeindeführungsmodelle in der Deutschschweiz – eine empirische Analyse – Gemeinden gestalten der HSLU Luzern, Autor Jonas Willisegger.
Das Wirkkreismodell findet sich unter den 7 gängigsten Modellen nicht.
Sehr gut aber ist, dass der Gemeinderat sich 4 Jahre Zeit nehmen konnte mit dem Wirkkreismodell Erfahrungen zu sammeln und daraus, so wird kommuniziert, seine Lehren und Erfahrungen gezogen und bereits Veränderungen eingeleitet hat.
Schade nur, dass er das Traktandum noch in der alten Legislatur und nicht erst in der neuen, dann Prioritär mit den neuen Gemeinderatsmitgliedern, als neuer Anfang in Planung genommen hat.
Meiner Meinung nach, lässt sich ein «neues» Gemeindeführungsmodell nicht von heute auf morgen aus dem Boden stampften. Eine Wirkungsvolle übersichtliche, den Notwendigkeiten angepasste Verwaltungs- und Führungsorganisation benötigt Zeit, Geld, Kompetenz, handwerkliches Know How und die Mitarbeit aller Verwaltungs- und Behördenmitglieder um eine für die Zukunft wirksame und bevölkerungsfreundliche Gemeindeorganisation erarbeiten zu können.
Eines von vielen möglichen, in vielen Gemeinden erprobtes Gemeindeführungsmodell
((In Anlehnung an das CEO Modell aus dem Buch (Gemeindeführungsmodelle in der Deutschschweiz von Jonas Willisegger / Alex Lötscher / Marco Eichenberger))

Ich bin überzeugt, dass der Gemeinderat als Gremium das Projekt «Gemeindeführungsmodell Eglisau der Zukunft» nicht allein umsetzen kann. Dazu braucht es eine Projektorganisation bestehend aus allen betroffenen Parteien. Eine Monsteraufgabe, umsetzbar nur mit guter kompetenter fachkundiger Moderation im Bewusstsein der bedeutsamen Aufgabe eine Gemeindeführungsmodell auszuarbeiten, dass uns in der Zukunft zusammenschweisst, uns weiterhilft und uns als Gemeinschaft weiter voranbringt.
Es ist Führung angesagt!
in diesem Sinne
Peter Bolli
Lesen Sie dazu auch: «Wo drückt der Schuh«.
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Das Kollegialitätsprinzip
Das Kollegialitätsprinzip ist ein zentrales Organisations- und Entscheidungsprinzip in der Politik, besonders in Gremien wie Gemeinderäten oder Stadträten. Es besagt, dass Entscheidungen nicht von Einzelpersonen getroffen werden, sondern gemeinsam im Kollegium abgestimmt werden. Dieses Prinzip hat direkten Bezug zur Führungsverantwortung, da es festlegt, wie Verantwortung, Entscheidungsmacht und Repräsentation in politischen Führungsrollen verteilt sind.
Kollegialität als Grundlage verantwortlicher Führung
Führungsverantwortung bedeutet in der Politik nicht nur, Entscheidungen zu treffen, sondern diese verantwortungsvoll und im Sinne des Gemeinwohls zu gestalten. Das Kollegialitätsprinzip unterstützt dies auf mehreren Ebenen:
- Geteilte Verantwortung: Entscheidungen werden gemeinsam getragen. Führungspersonen in einem Rats- oder Ausschusskollegium müssen ihre Autorität so einsetzen, dass alle Mitglieder mitgetragen werden.
- Repräsentation nach außen: Selbst wenn einzelne Führungspersonen ursprünglich andere Meinungen hatten, vertreten sie nach außen die getroffenen Beschlüsse. Dies zeigt Führungsstärke und Loyalität gegenüber dem Gremium.
- Demokratische Legitimation: Führung erfolgt im Rahmen von Abstimmungen und Diskussionen. Dadurch wird die Macht einzelner begrenzt, und die Entscheidung bleibt demokratisch legitimiert.
Bedeutung für Kommunalwahlen
Bei Kommunalwahlen wählen Bürgerinnen und Bürger nicht nur Personen, sondern potenzielle Führungsgremien. Das Kollegialitätsprinzip wirkt hier direkt auf die Führungsverantwortung:
- Gewählte Ratsmitglieder übernehmen gemeinsame Verantwortung für die Stadtentwicklung, Haushaltsentscheidungen und soziale Projekte.
- Die Fähigkeit, als Teil eines Kollegiums zu führen, wird bereits bei der Wahl entscheidend – Wählerinnen und Wähler achten auf Teamfähigkeit und Kooperationsbereitschaft.
- Nach der Wahl zeigt sich Führungsverantwortung darin, Kompromisse zu verhandeln, Entscheidungen gemeinsam umzusetzen und die Beschlüsse des Rates öffentlich zu vertreten.
Fazit
Das Kollegialitätsprinzip und Führungsverantwortung sind eng miteinander verknüpft. In der Kommunalpolitik bedeutet es, dass politische Führung nicht autoritär, sondern verantwortungsbewusst, kooperativ und konsensorientiert ausgeübt wird. Wer als Führungsperson in einem Gremium erfolgreich sein will, muss nicht nur entscheiden, sondern auch die geteilte Verantwortung und den Zusammenhalt des Kollegiums wahren. Für Bürgerinnen und Bürger schafft dies Vertrauen in die Politik: Entscheidungen werden nicht willkürlich, sondern verantwortungsvoll und gemeinsam getroffen.
