Die Geschichte vom schwarzen Punkt.

Wir neigen dazu, unsere Aufmerksamkeit auf das Auffällige zu richten – auf das was heraussticht und Kontraste bildet. Dabei übersehen wir oft das was alles trägt: den stillen, selbstverständlichen Hintergrund.

Die Geschichte vom schwarzen Punkt erinnert uns daran, dass nicht das Einzelne das Ganze bestimmt, sondern nur ein Teil davon ist. Sie lädt dazu ein, den eigenen Blick zu hinterfragen und auch dem Unscheinbaren wieder Raum zu geben.

Die Geschichte vom schwarzen Punkt Ein unbekannter Autor


Eines Tages betrat ein Professor den Seminarraum und kündigte einen unangekündigten Test an. Er verteilte die Blätter wie gewohnt mit der Schrift nach unten und bat die Studierenden, sie umzudrehen und zu beginnen.

Auf dem Papier befand sich kein Text. Keine Fragen. Nur ein einzelner schwarzer Punkt, ruhig platziert in der Mitte der Seite.

Nach kurzem Zögern begannen die Studierenden zu schreiben.

Am Ende der Stunde sammelte der Professor die Arbeiten ein und las einige Passagen laut vor. Die Beschreibungen ähnelten einander: der Punkt, seine Größe, seine Lage, sein Verhältnis zum umgebenden Raum. Kein Blatt wich wesentlich vom anderen ab.

Der Professor schwieg einen Moment, dann sah er in die Runde.

Niemand hatte das Papier beschrieben.

Der weiße Raum, der den Punkt trug, war ungenannt geblieben – still, selbstverständlich, unbeachtet. Dabei hatte er alles gehalten, den Punkt ebenso wie den Blick derjenigen, die ihn betrachteten.

Vielleicht, so ließ der Professor offen, sei es oft genau das, was uns umgibt und trägt, das wir am wenigsten bemerken. Und vielleicht sind es gerade die kleinen Abweichungen, die dunklen Markierungen, die unsere Aufmerksamkeit fesseln – nicht weil sie größer sind, sondern weil sie einen Kontrast bilden.

Der Punkt verschwand nicht. Aber er war nicht alles.

Wir richten unseren Blick bevorzugt auf das, was sich abhebt: auf Abweichungen, Brüche, dunkle Markierungen. Sie wirken bedeutsam, nicht weil sie den größeren Raum einnehmen, sondern weil sie Kontrast erzeugen. Das Gleichmäßige, Tragende, Weite hingegen erscheint selbstverständlich und entzieht sich gerade dadurch unserer Aufmerksamkeit.

So entsteht eine stille Verschiebung: Nicht das Ganze bestimmt unser Urteil, sondern das, was es unterbricht. Wir sehen den Punkt und vergessen das Papier – obwohl ohne dieses nichts sichtbar wäre.
Ein unbekannter Autor

In diesem Sinne, sollte ich mich wohl mehr an meiner eigenen Nase nehmen.
Eine gut Zeit ….

Peter Bolli

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