für meine Mutter.
Vorwort
Wir verbringen einen grossen Teil unseres Lebens damit, etwas aufzubauen, zu erreichen und zu besitzen. Dabei vergessen wir leicht, dass nichts für immer bleibt – weder unser Eigentum noch unsere Erfolge und nicht einmal die gemeinsame Zeit mit den Menschen die wir lieben.
Die folgende Geschichte lädt dazu ein, einen Moment innezuhalten. Sie erinnert uns daran, dass uns vieles im Leben nicht wirklich gehört, sondern nur für eine begrenzte Zeit anvertraut ist. Entscheidend ist deshalb nicht, wie viel wir besitzen, sondern wie wir mit dem umgehen, was uns gegeben wurde.
Vielleicht liegt der wahre Reichtum nicht in den Dingen die wir festhalten, sondern in den Augenblicken die wir bewusst erleben und in dem was wir anderen Menschen mitgeben.
Es ist alles nur geliehen

Als Jakob an diesem Morgen erwachte, fiel ein schmaler Sonnenstrahl durch den Spalt zwischen den Vorhängen. Er wanderte langsam über die Wand, berührte das alte Familienfoto auf der Kommode und brachte den goldenen Rahmen für einen Augenblick zum Leuchten.
Jakob blieb noch eine Weile liegen. Heute war sein siebzigster Geburtstag.
Unten im Haus hörte er bereits Stimmen. Seine Frau Anna deckte mit den Kindern und Enkelkindern den grossen Tisch. Geschirr klapperte, jemand lachte, und aus der Küche zog der Duft von frischem Brot und Kaffee nach oben.
Jakob lächelte. Er hätte glücklich sein sollen. Dennoch lag eine seltsame Schwere auf seinem Herzen.
Nach dem Frühstück zog er sich zurück und ging in sein Arbeitszimmer. An den Wänden standen hohe Regale voller Bücher. Auf dem Schreibtisch lagen wichtige Dokumente, Urkunden und Auszeichnungen. Im Schrank bewahrte er seine wertvollsten Uhren auf. Draussen vor dem Haus glänzte das Auto, auf das er lange gespart hatte.
Jakob betrachtete all diese Dinge und dachte an sein Leben zurück.
Er hatte früh gelernt, dass man arbeiten musste, wenn man es zu etwas bringen wollte. Also hatte er gearbeitet – Tag für Tag, Jahr für Jahr. Er hatte gespart, geplant, gebaut und gesammelt. Wenn er etwas erreicht hatte setzte er sich schon das nächste Ziel. Das grössere Haus, das bessere Auto, die schönere Uhr.
Immer hatte er geglaubt hinter dem nächsten Erfolg warte die Zufriedenheit.
Doch kaum hatte er ein Ziel erreicht, verlor es seinen Glanz. Dann musste etwas Neues her. Etwas Grösseres, Schöneres oder Wertvolleres.
Während Jakob gedankenverloren am Fenster stand, betrat seine Enkelin Mia das Zimmer. In den Händen hielt sie ein kleines, etwas zerknittertes Päckchen.
«Grossvater, darf ich dir mein Geschenk geben?»
Jakob drehte sich um und lächelte. «Natürlich.»
Mia reichte ihm das Päckchen. Darin lag kein teurer Gegenstand. Es war ein flacher, grauer Stein, auf den sie mit bunten Farben eine Sonne und zwei kleine Figuren gemalt hatte.
«Das sind wir beide», erklärte sie stolz. «Weisst du noch, als wir am Rhein waren und du mir gezeigt hast, wie man flache Steine über das Wasser springen lässt?»
Jakob nahm den Stein behutsam in die Hand.
Natürlich erinnerte er sich. Es war ein warmer Nachmittag gewesen. Sie hatten am Ufer gesessen, den Schiffen zugeschaut und Steine ins Wasser geworfen. Mia hatte gelacht als ihr erster Stein nach einem einzigen Sprung untergegangen war. Danach hatten sie es immer wieder versucht.
Für Jakob war es damals nur ein gewöhnlicher Nachmittag gewesen.
Für Mia war er offenbar so wichtig gewesen, dass sie ihn auf einem Stein festgehalten hatte.
«Das ist ein sehr schönes Geschenk», sagte er leise.
Mia sah sich neugierig im Zimmer um. Ihr Blick fiel auf die Uhren im Schrank.
«Warum hast du so viele Uhren?»
Jakob musste schmunzeln. «Damit ich weiss, wie spät es ist.»
Mia runzelte die Stirn. «Aber dafür würde doch eine genügen.»

Jakob wollte antworten, doch ihm fiel nichts ein.
Das Mädchen zeigte auf die grösste und wertvollste Uhr.
«Kann diese Uhr die Zeit langsamer machen?»
«Nein.»
«Kann sie einen schönen Tag zurückbringen?»
«Nein, das kann sie auch nicht.»
Mia dachte kurz nach. «Dann zeigt sie dir eigentlich nur, wie schnell die Zeit vergeht.»
Jakob sah seine Enkelin erstaunt an. Kinder stellten manchmal die einfachsten Fragen – und trafen damit genau jene Stellen, denen Erwachsene jahrelang ausgewichen waren.
Nachdem Mia wieder nach unten gegangen war, blieb Jakob allein zurück. Noch immer hielt er den bemalten Stein in der Hand.
Plötzlich erschienen ihm seine Besitztümer in einem anderen Licht. Das Haus, das Auto, die Uhren, die Bücher und selbst das Geld auf seinen Konten – nichts davon gehörte ihm wirklich für immer. Er durfte es eine Zeit lang benutzen, bewahren und vielleicht weitergeben. Doch eines Tages würde er gehen müssen und alles zurücklassen.
Eigentlich, dachte er, war ihm alles nur geliehen.
Nicht nur sein Besitz.
Auch die Stunden, die Tage und die Jahre waren ihm auf Zeit gegeben. Ebenso die Menschen die ihn begleiteten. Niemand konnte ihm versprechen wie lange sie bleiben würden. Kein Geld der Welt konnte einen vergangenen Augenblick zurückholen oder einen verlorenen Menschen ersetzen.
Dieser Gedanke machte ihn zunächst traurig. Dann spürte Jakob etwas Unerwartetes: Dankbarkeit.
Wenn alles nur geliehen war, musste er nicht möglichst viel besitzen. Er musste vielmehr gut mit dem umgehen was ihm für eine gewisse Zeit anvertraut worden war.
Er ging nach unten zu seiner Familie.
Im Wohnzimmer standen alle um den festlich gedeckten Tisch. Anna wollte gerade die Kerzen auf dem Kuchen anzünden, als Jakob ihre Hand nahm.
«Bevor wir feiern, möchte ich euch etwas sagen.»
Die Gespräche verstummten.
Jakob blickte in die Runde. Er sah seine Frau, mit der er so viele Jahre geteilt hatte. Er sah seine Kinder, die längst eigene Wege gingen und seine Enkelkinder, für die die Welt noch voller Wunder war.
«Ich habe einen grossen Teil meines Lebens damit verbracht, Dinge zu erwerben und festzuhalten», begann er. «Dabei habe ich manchmal vergessen, dass nichts davon für immer bleibt. Wir besitzen unsere Zeit nicht. Wir dürfen sie nur eine Weile erleben. Und auch die Menschen an unserer Seite sind kein selbstverständlicher Besitz, sondern ein Geschenk.»
Er legte Mias bemalten Stein auf den Tisch.
«Vielleicht besteht ein reiches Leben nicht darin, möglichst viel anzusammeln. Vielleicht besteht es darin – die geliehene Zeit gut zu nutzen.»
Niemand sagte etwas. Dann stand Anna auf und umarmte ihn.
Später wurde gegessen, erzählt und gelacht. Jakob öffnete die übrigen Geschenke, aber keines bedeutete ihm so viel wie der kleine bemalte graue Stein.
Am Nachmittag ging die ganze Familie gemeinsam zum Rhein. Die Kinder suchten am Ufer nach flachen Steinen. Jakob zeigte ihnen, wie man sie so werfen musste, dass sie über die Wasseroberfläche sprangen.
Einer der Steine hüpfte sechsmal über das Wasser.
Mia jubelte. Anna lachte. Die Sonne spiegelte sich im Fluss und irgendwo in der Ferne schlug eine Kirchenglocke.
Jakob dachte an die Uhrensammlung in seinem Arbeitszimmer. Keine dieser kostbaren Uhren konnte ihm sagen, wie wertvoll dieser Augenblick war.
Als die Sonne langsam hinter den Hügeln verschwand, blieb er noch eine Weile am Ufer stehen. Das Wasser floss ruhig an ihm vorbei und nahm alles mit was hineinfiel. Kein Tropfen liess sich festhalten – und doch blieb der Rhein bestehen.
Vielleicht war es mit dem Leben genauso.
Die Tage kamen und gingen. Freude und Trauer, Erfolg und Enttäuschung, Besitz und Verlust – alles war Teil eines Stromes den niemand anhalten konnte.
Doch solange ihm Zeit geschenkt wurde, wollte Jakob sie nicht mehr nur damit verbringen, nach dem Nächsten und Besseren zu suchen. Er wollte genauer hinsehen, öfter zuhören und sich an den Dingen freuen die keinen Preis hatten: an einem gemeinsamen Essen, einem unterhaltsamen, interessanten Gespräch, dem Lachen eines Kindes, dem Licht eines neuen Morgens und einem flachen Stein der für einen kurzen Augenblick über das Wasser sprang.
Denn am Ende, das hatte Jakob an diesem Tag verstanden, nehmen wir nichts von dem mit was wir besitzen.
Wir hinterlassen nur was wir gegeben haben.
Alles andere ist uns lediglich für eine Weile anvertraut – hier auf dieser schönen Welt.
nach einem Gedicht von Heinz Schenk / verfasst von Peter Bolli
Nachwort

Jakobs Geschichte erinnert uns daran, wie leicht wir den Wert unseres Lebens an Besitz, Erfolg und Ansehen messen. Wir sammeln Dinge, verfolgen immer neue Ziele und glauben, dass uns das Erreichte dauerhaft Sicherheit und Zufriedenheit schenken könne. Doch vieles, woran wir uns klammern, verliert mit der Zeit seine Bedeutung.
Was bleibt, sind nicht die teuersten Gegenstände oder die grössten Erfolge. Es sind die gemeinsam verbrachten Stunden und die Erinnerung an jene Menschen denen wir etwas bedeutet haben.
Dass alles nur geliehen ist, muss uns nicht traurig machen. Im Gegenteil: Gerade die Begrenztheit verleiht dem Leben seinen besonderen Wert. Sie fordert uns auf, sorgsam mit unserer Zeit, unseren Mitmenschen und den Gütern dieser Erde umzugehen. Denn was uns anvertraut wurde, dürfen wir nutzen und geniessen – aber niemals als selbstverständlich betrachten.
Am Ende zählt deshalb weniger, was wir besessen haben, als vielmehr, was wir daraus gemacht haben. Nicht, wie viel wir festhalten konnten, sondern wie viel wir weitergegeben haben: an Freude, Aufmerksamkeit, Liebe, Zuversicht und Menschlichkeit.
Vielleicht besteht die Kunst des Lebens darin, dankbar anzunehmen, grosszügig zu teilen und im richtigen Moment loszulassen. Denn alles ist nur geliehen – doch jeder bewusst gelebte Augenblick kann zu einer bleibenden Erinnerung werden.
Habt alle eine gute Zeit, lasst es Euch gut gehen und habt immer nette Leute um Euch.
Peter Bolli
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