Der Stammtisch – eine unwahre Geschichte mit Pfiff

Der Stammtisch

Es war Donnerstagabend im Restaurant im «Faden Hirschen zum Rhein» und wie jeden Donnerstagabend war der grosse runde Holztisch in der Ecke reserviert. Er war so massiv gebaut, dass man munkelte, er sei nicht geschreinert, sondern seinerzeit aus dem Fundament der alten Rheinbrücke gesägt worden. Auf seiner Platte lagen unzählige Spuren politischer Weltgeschichte: Bierglasringe, Rotweinflecken, Kerben von nervös geführten Messern und eine Brandstelle aus jenem denkwürdigen Abend, an dem Ernst Bünzli hatte beweisen wollen, dass ein Crêpe Suzette auch ohne französischen Einfluss möglich sei.

Das Bild ist aus dem Berichtstext mit KI generiert / PBo

Das Ergebnis war weder neutral noch geniessbar gewesen.

Hinter dem Tresen stand Hans Trunk, den alle nur «Öl» nannten. Weshalb, wusste niemand mehr genau. Die einen behaupteten, er könne jede festgefahrene Diskussion wieder geschmeidig machen. Andere meinten, es liege daran, dass seine Salatsauce selbst einen rostigen Pflug wieder blank bekäme. Öl war korpulent, grosszügig und von jener natürlichen Autorität, die ein Mann entwickelt, wenn er gleichzeitig fünf Bratpfannen, zwölf Gäste und einen defekten Geschirrspüler beherrschen muss.

Seine Frau Ursula trug Gläser durch die Gaststube. Sie besass den ruhigen Blick einer Frau die seit Jahren wusste, dass Männer am Stammtisch hauptsächlich deshalb so laut redeten, weil ihnen zu Hause niemand mehr zuhörte.

An diesem Donnerstag war die Stimmung besonders geladen. Am Sonntag wird über die Neutralitätsinitiative abgestimmt. Das Abstimmungsbüchlein lag in fünffacher Ausführung auf dem Tisch. Keiner hatte es vollständig gelesen, aber alle hatten sich bereits vollständig entschieden.

Hans Heiri Müller erschien als Erster. Der Autohändler trug ein frisch gebügeltes Hemd, eine dunkelblaue Weste und das Lächeln eines Mannes der sogar beim Kondolieren noch versuchen würde den Hinterbliebenen einen gut erhaltenen Vorführwagen zu verkaufen.

«Öl, ein Bier. Aber ein einheimisches», bestellte er. «Man muss das lokale Gewerbe unterstützen.»

«Das letzte Mal wolltest du belgisches Starkbier», erinnerte ihn Ursula.

«Damals war die wirtschaftliche Lage anders.»

Kurz darauf kam Ernst Bünzli. Er legte seine Jacke exakt über die Stuhllehne, rückte den Bierdeckel parallel zur Tischkante und setzte sich. In der Finanzabteilung der Gemeinde war er zuständig für Zahlen, die grundsätzlich zu klein waren, wenn ein Verein Geld wollte und überraschend gross, wenn die Gemeinde Gebühren erhob.

«Ich nehme ein Mineralwasser», sagte er. «Mit Kohlensäure, aber ohne ideologische Zusätze.»

«Also ausländisches Wasser?», fragte Hans Heiri.

«Der Markt entscheidet.»

Marcel König traf mit dem E-Bike ein. Er trug Helm, Leuchtweste, Regenhose und einen Gesichtsausdruck, als habe er unterwegs persönlich drei Eisbären vor dem Abschmelzen der Eismassen gerettet. Unter dem Arm klemmte ein Feldstecher.

«Entschuldigt die Verspätung», sagte er. «Beim Kreisel sass ein Rotmilan auf einer Strassenlaterne. Ein majestätisches Tier.»

«Vielleicht wartete er auf einen freien Parkplatz», meinte Hans Heiri.

«Vielleicht auf das Ende des Verbrennungsmotors», gab Marcel zurück.

Kurt Huber kam direkt aus der mechanischen Werkstatt. An seinen Händen haftete noch der Geruch von Kühlschmiermittel, in seiner Brust die Empörung der arbeitenden Bevölkerung und vor dem Restaurant sein elektrisch betriebener Audi an einer Ladestation die seit zwanzig Minuten von Hans Heiris Geländewagen blockiert wurde.

«Müller, stell deine Blechburg weg!»

«Das ist ein Kundenfahrzeug.»

«Seit wann fährst du Kundenfahrzeuge zum Stammtisch?»

«Qualitätskontrolle unter erschwerten Bedingungen.»

Als Letzter erschien Franz Klotz. Er roch nach Stall, Erde und dem unerschütterlichen Selbstbewusstsein eines Mannes, der fünf Kühe, vier Säuli, einen Gemeinderat und gelegentlich auch seine Familie für führbar hielt. Er stellte einen Korb mit Gemüse auf den Tisch.

«Für Öl. Alles vom Hof. Nicht so importiertes Zeug, das zuerst mehr Länder sieht als ein Bundesrat.»

«Die Peperoni kommen aber aus deinem Gewächshaus», sagte Marcel.

«Natürlich.»

«Und das wird beheizt.»

«Mit einheimischer Wärme.»

«Du meinst Heizöl.»

Franz zog den Stuhl zurück. «Ich wusste, dass heute wieder einer die Nahrungssicherheit beleidigt.»

Öl stellte eine Platte auf den Tisch. «Meine Herren: der Neutralitätsteller. In der Mitte Rösti, links Bratwurst, rechts Falafel. Dazu eine Sauce, die sich zu keinem Bündnis bekennt.»

Das Bild ist aus dem Berichtstext mit KI generiert / PBo

«Und was kostet das?», fragte Ernst.

«Achtundzwanzig Franken.»

«Das ist nicht neutral», sagte Ernst. «Das ist ein Angriff auf die Kaufkraft.»

Damit war die Debatte eröffnet.

Hans Heiri legte beide Hände auf den Tisch. «Neutralität ist wie ein guter Gebrauchtwagen: Sie muss zuverlässig sein, darf nicht bei jedem Geräusch die Richtung wechseln und sollte nicht von Leuten gelenkt werden die noch nie eine Bilanz gelesen haben.»

«Ein grossartiges Bild», sagte Kurt. «Vor allem von einem Mann, der bei jedem Verkauf behauptet, eine Delle sei bloss eine aerodynamische Vertiefung.»

«Unternehmerisches Denken nennt man das.»

«In der Werkstatt nennen wir es Spachtelmasse.»

Marcel hob beschwichtigend die Hand. «Wir sollten zuerst klären was Neutralität heute überhaupt bedeutet. Sicherheit entsteht nicht dadurch, dass wir die Augen schliessen.»

«Du schliesst sie ja nicht», sagte Franz. «Du hast immer einen Feldstecher dabei.»

«Der ist um Vögel zu beobachten.»

«Eben. In Bern sitzen auch genug auf ihren Stängeli herum.»

Ernst räusperte sich. «Aus liberaler Sicht braucht es eine flexible, regelbasierte Neutralität, mit internationaler Anschlussfähigkeit, wirtschaftlicher Offenheit und ökologischer Resilienz.»

Am Tisch wurde es still.

«Kann man das essen?», fragte Öl.

«Es bedeutet», erklärte Ernst, «dass wir unabhängig bleiben, ohne uns abzuschotten.»

«Also verheiratet sein, aber weiter Tinder benutzen», sagte Kurt.

Ernst verschluckte sich am Mineralwasser. Ursula legte ihm wortlos eine Serviette hin.

Franz schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. Die Gläser hüpften, und der Neutralitätsteller verschob sich leicht nach Osten.

«Die Schweiz muss selber bestimmen! Keine fremden Richter, keine fremden Generäle und keine fremden Gurken!»

Öl blickte in Franz’ Gemüsekorb. «Die da ist aber ziemlich krumm.»

«Das ist Natur pur!»

«In Brüssel wäre sie wahrscheinlich Oppositionsführerin», meinte Hans Heiri.

Kurt beugte sich vor. «Und wer schützt die arbeitenden Leute, wenn es ernst wird? Deine Gurke? Neutralität darf kein Vorwand sein um wegzuschauen wenn anderswo Menschen unter die Räder kommen.»

«Sagt der Gewerkschafter mit dem Audi», stichelte Hans Heiri.

«Elektrisch!»

«Ein Audi bleibt auch mit Batterie ein Klassenkampf auf Rädern.»

Kurt wurde rot. «Ich habe für den Wagen gearbeitet!»

«Andere auch», sagte Marcel. «Vermutlich in mehreren Ländern.»

«Und dein E-Bike – wächst auf einem Biofeld?»

Die Lautstärke stieg. Binnen weniger Minuten wurde aus der Neutralitätsinitiative eine Gesamtabrechnung mit der Schweiz, Europa, dem Kapitalismus, dem Sozialismus, den Subventionen, den Lehrplänen, den Parkplätzen, den Velowegen und der Frage, weshalb die Abwassergebühr schon wieder erhöht werden soll.

Hans Heiri warf Kurt vor, der Staat solle nach dessen Vorstellung jeden Bürger morgens ankleiden und abends zudecken. Kurt konterte, Hans Heiri würde vermutlich sogar die Feuerwehr privatisieren und beim Löschen zuerst die Bonität des Hausbesitzers prüfen.

Ernst verlangte eine sachliche Diskussion, benutzte dabei aber so viele Fremdwörter, dass Franz argwöhnte, er betreibe im Auftrag des Auslands Gedankenschmuggel.

Marcel bat um eine inklusive Sprache. Franz fragte, ob seine Kühe künftig «Milchgebende mit Wiederkäuhintergrund» genannt werden müssten. Marcel antwortete, das habe niemand verlangt. Franz erwiderte, genau das sei der Beweis, wie weit es bereits gekommen sei.

«Du sitzt im Gemeinderat und beziehst Direktzahlungen», rief Hans Heiri. «So viel zum schlanken Staat!»

Franz richtete sich auf. «Das sind keine Subventionen. Das ist die Abgeltung gemeinwirtschaftlicher Leistungen.»

Ernst lächelte. «In der Finanzabteilung nennen wir Geld welches der Staat überweist üblicherweise trotzdem Geld das der Staat überweist.»

«Du kriegst deinen Lohn auch von der Gemeinde!»

«Ich erbringe eine Leistung.»

«Meine Kühe auch!»

«Aber sie führen keine Finanzkontrolle.»

«Das wäre manchmal besser», murmelte Öl.

In diesem Augenblick flog die Tür auf.

Zuerst erschien nur eine rosafarbene Schnauze. Dann zwei aufmerksame Ohren. Schliesslich betrat ein stattliches Säuli die Gaststube, mit Schlamm an den Beinen, Stroh auf dem Rücken und einer Schweizerfahne zwischen den Zähnen. Es blieb stehen, sah sich um und grunzte mit jener Gelassenheit die nur Tiere besitzen die weder Steuern zahlen noch Abstimmungsprognosen lesen.

Franz erstarrte.

«Helvetia!»

Ursula stemmte die Hände in die Hüften. «Du hast dein Schwein mitgebracht?»

«Nein! Sie muss ausgebüxt sein.»

«Sehr beruhigend», sagte Ernst. «Das spricht für deine Kompetenzen im Ressort Bau und Planung.»

Das Bild ist aus dem Berichtstext mit KI generiert / PBo

Helvetia marschierte zum Stammtisch. Sie schnupperte an Hans Heiris Schuhen, ignorierte Marcels ausgestreckte Verständigungshand und frass mit einem einzigen Biss die Ecke eines Abstimmungsbüchleins ab.

«Seht ihr!», rief Franz. «Das Tier hat Instinkt!»

«Es hat Seite siebenundzwanzig gefressen», sagte Ernst. «Das war die Finanzierung.»

«Typisch Staat», meinte Hans Heiri. «Kaum kommt ein Problem, ist das Geld weg.»

Helvetia setzte die Vorderbeine auf den Tisch. Der Neutralitätsteller geriet ins Rutschen. Marcel rettete die Falafel, Kurt die Bratwurst, Franz die Rösti und Hans Heiri instinktiv die Rechnung, obwohl sie ihm nicht gehörte.

Dann entdeckte Helvetia den Gemüsekorb.

«Nicht die Rüebli!», schrie Franz.

Zu spät. Das Säuli packte ein Büschel Karotten und rannte los. Franz sprang hinterher, stiess gegen Ernst, Ernst gegen Kurt, Kurt gegen Hans Heiri und Hans Heiri gegen Marcel. Marcel verlor den Feldstecher der in Öls Saucière landete. Öl fing die Saucière auf, verlor aber das Tablett. Ursula fing das Tablett und sagte nur: «Männer.»

Helvetia raste durch die Gaststube, umrundete dreimal den Kachelofen und schlüpfte in den Saal des Sängerbundes. Dort probten gerade Hans Heiris Sängerbundgspänli das Lied «La Montanara».

Das Säuli stimmte beim Refrain ein.

Sein Beitrag war kurz, kräftig und musikalisch derart eigenständig, dass der Dirigent den Taktstock sinken liess.

«Hans Heiri», sagte er, «dein Bass war auch schon besser.»

«Das ist nicht mein Bass! Das ist Franz’ Landwirtschaftspolitik!»

Helvetia schoss weiter, direkt auf die Terrassentür zu. Diese war geschlossen. Marcel sah als Erster, was geschehen würde.

«Die Scheibe!»

Nun zeigte sich, was aus Menschen werden kann, wenn für politische Grundsatzreferate keine Zeit bleibt.

Kurt packte eine Tischdecke und spannte sie wie ein Fangnetz. Hans Heiri schob zwei Stühle als Barriere zusammen, wobei er noch bemerkte, dies sei «eine privatwirtschaftliche Sofortlösung». Ernst berechnete mit erstaunlicher Präzision den Fluchtwinkel. Marcel machte leise Lockrufe, die vermutlich für Rotmilane gedacht waren, aber wenigstens beruhigend klangen. Franz kniete sich hin und hielt Helvetia ein Stück Bratwurst entgegen.

«Das ist jetzt aber moralisch schwierig», sagte Marcel.

«Später!», riefen die anderen vier gleichzeitig.

Helvetia bremste, rutschte über den Holzboden und blieb einen halben Meter vor der Scheibe stehen. Sie musterte die Bratwurst. Dann musterte sie Franz. Danach erneut die Bratwurst.

In ihren Augen lag plötzlich eine tiefe, beinahe philosophische Erkenntnis.

Franz betrachtete die Wurst ebenfalls. Langsam wurde ihm bewusst, dass er soeben einem seiner Säuli möglicherweise einen entfernten Verwandten angeboten hatte.

«Das», sagte Öl, «ist jetzt der erste echte Interessenkonflikt des Abends.»

Franz liess die Wurst sinken. «Helvetia, wir reden zu Hause darüber.»

Das Säuli wandte sich beleidigt ab, trat auf die Fernbedienung von Kurts Autoschlüssel und löste draussen die Hupe seines Audis aus. Erschrocken sprang es in die Tischdecke. Kurt und Hans Heiri zogen zu, Marcel hielt den Kopf frei, Ernst sicherte die Hinterbeine, und Franz redete beruhigend auf das Tier ein.

Gemeinsam trugen sie Helvetia zur Tür hinaus.

Da standen sie nun auf dem Vorplatz: der konservative Autohändler, der liberale Gemeindebeamte, der woke Vogelkundler, der kämpferische Gewerkschafter und der subventionierte Staatskritiker. Zwischen ihnen hing ein Schwein in einer weissen Tischdecke wie ein sehr schlecht verpacktes Staatsgeschenk.

Kurts Audi hupte weiter.

Marcel begann zu lachen. Erst leise, dann so heftig, dass ihm die Tränen kamen. Kurt stimmte ein. Ernst versuchte noch zehn Sekunden lang, seine Würde zu retten, gab dann aber auf. Hans Heiri lachte, bis sich seine Weste spannte. Schliesslich prustete auch Franz los.

Helvetia grunzte. Es klang vorwurfsvoll, aber nicht unversöhnlich.

Sie brachten sie in Franz’ Viehanhänger. Hans Heiri reparierte den defekten Verschluss mit einem Kabelbinder aus seinem Wagen. Kurt verstärkte ihn mit einem Stück Draht. Ernst kontrollierte zweimal, ob alles hielt. Marcel legte etwas Stroh hinein, damit das Tier keinen Stress bekam. Franz versprach, das Hoftor künftig nicht mehr «nach bäuerlichem Ermessen», sondern tatsächlich zu schliessen.

Als sie ins Restaurant zurückkehrten, war die Gaststube verwüstet. Auf dem Boden lagen Rüebli, Servietten und politische Gewissheiten. Der Neutralitätsteller war nicht mehr eindeutig links oder rechts zuzuordnen. Die Sauce hatte sich grossflächig mit allem verbündet.

Öl stellte sechs Gläser auf den Stammtisch. Das sechste war für Ursula.

«Das geht aufs Haus», sagte er. «Unter einer Bedingung: Jeder sagt jetzt einen vernünftigen Satz über jemanden am Tisch, mit dem er politisch nicht einverstanden ist.»

«Das ist Erpressung», sagte Hans Heiri.

«Nein», erwiderte Öl. «Erpressung kostet extra.»

Hans Heiri begann. Er sah Kurt an. «Du bist ein fürchterlicher Linker. Aber wenn eine Maschine klemmt, bist du der Erste, der die Hände schmutzig macht.»

Kurt nickte und wandte sich Franz zu. «Du bist sturer als eine festgefressene Schraube. Aber du arbeitest von morgens bis abends, und ohne Leute wie dich wäre unser Kühlschrank voller Apps statt Lebensmittel.»

Franz sah Marcel an. «Du redest manchmal so, dass ich nachher weniger verstehe als vorher. Aber du meinst es ehrlich mit den Jungen und mit der Natur.»

Marcel lächelte und blickte zu Ernst. «Du kannst aus einem menschlichen Problem innert drei Minuten ein Formular machen. Aber du hörst zu, kennst die Regeln und behandelst das Geld der Gemeinde, als wäre es dein eigenes.»

Ernst wandte sich Hans Heiri zu. «Du hältst Selbstzweifel für eine ansteckende Krankheit. Aber du hast heute nicht gefragt, wer für den Schaden bezahlt, bevor du geholfen hast.»

«Das frage ich morgen», sagte Hans Heiri.

Ursula hob ihr Glas. «Und ihr fünf seid laut, eitel, rechthaberisch und ungefähr so repräsentativ für die Bevölkerung wie Helvetia für die Schweizer Aussenpolitik. Aber wenn es darauf ankommt, könnt ihr gemeinsam handeln. Man muss euch offenbar nur das Abstimmungsbüchlein wegnehmen und ein Schwein in die Beiz schicken.»

Das Bild ist aus dem Berichtstext mit KI generiert / PBo

Sie stiessen an.

Über die Initiative waren sie sich noch immer nicht einig. Hans Heiri blieb überzeugt, Ernst differenziert, Marcel besorgt, Kurt kämpferisch und Franz unerschütterlich. Doch keiner behauptete mehr, allein im Besitz der Wahrheit zu sein. Zumindest nicht während der nächsten sieben Minuten.

Dann fragte Öl, wer die zerbrochene Saucière bezahle.

Hans Heiri schlug eine private Sammlung vor. Kurt verlangte einen solidarischen Verteilschlüssel. Ernst wollte zuerst den Zeitwert ermitteln. Marcel regte eine nachhaltige Reparatur an. Franz erklärte, die Saucière sei wegen eines ausserordentlichen Ereignisses zerbrochen und deshalb Sache der Gemeinde.

Ursula nahm den Besen.

«Ihr teilt die Rechnung durch fünf.»

Damit war der Fall entschieden – direktdemokratisch nicht ganz lupenrein, aber verwaltungstechnisch ausserordentlich effizient.

Spät am Abend verliessen die fünf Freunde den «Faden Hirschen zum Rhein». Marcel schob sein E-Bike, weil Franz’ Gemüsekorb nun auf dem Gepäckträger lag. Kurt durfte endlich seinen Audi laden. Hans Heiri bot Ernst eine Heimfahrt an, natürlich völlig unverbindlich und ohne Verkaufsabsicht. Franz fuhr mit Helvetia nach Hause, die friedlich im Anhänger schlief und vermutlich von einer Schweiz träumte, in der Abstimmungsbüchlein nach Karotten schmeckten.

Am Sonntag stimmten die fünf unterschiedlich ab.

Am darauffolgenden Donnerstag sassen sie wieder am selben Tisch.

Der Tisch war repariert, die Saucière ersetzt und die politische Lage nach wie vor kompliziert. Über der Stammtischecke hing nun ein kleines Schild, das Ursula eigenhändig geschrieben hatte:

«Hier wird jede Meinung respektiert – sobald sie etwas leiser vorgetragen wird.»

Darunter hatte Öl in kleinerer Schrift ergänzt:

«Schweine haben Zutritt. Politiker nur in Begleitung.»

Und weil im «Faden Hirschen zum Rhein» anständige Geschichten ebenso wie anständige Menüs im Guten endeten, bestellten alle fünf noch eine Runde.

Diesmal etwas Einheimisches.

Ernst nahm belgisches Starkbier……… – … Fortsetzung…?


___________________________________


Wenn der Stammtisch verstummt

Der Stammtisch war nie ein Parlament. Es gab keine Traktandenliste, keine Abstimmungsordnung und schon gar kein Protokoll. Niemand musste einen Antrag schriftlich einreichen, und wer zu lange redete, wurde nicht vom Präsidenten, sondern vom Wirt oder von den anderen Gästen zur Ordnung gerufen.

Trotzdem war der Stammtisch über viele Jahrzehnte ein wichtiger Teil des politischen und gesellschaftlichen Lebens einer Gemeinde. Hier trafen Menschen aufeinander, die im Alltag unterschiedliche Wege gingen: der Gewerbler und der Arbeiter, der Bauer und der Lehrer, der Gemeindeschreiber und der Handwerker. Sie kamen aus verschiedenen politischen Lagern, Vereinen und gesellschaftlichen Schichten. Was sie verband, war nicht dieselbe Meinung, sondern derselbe Ort.

Am Stammtisch wurden die grossen Fragen der Welt ebenso leidenschaftlich besprochen wie die kleinen Ärgernisse des Dorfes. Man stritt über Steuern, Landwirtschaft, Schule, Verkehr, Umweltschutz oder die letzte Gemeindeversammlung. Man wusste, wer das neue Bauprojekt befürwortete, wer sich über den fehlenden Fussgängerstreifen ärgerte und wer überzeugt war, dass früher ohnehin alles besser gewesen sei – ausser vielleicht die Zahnmedizin.

Gewiss, nicht jede Stammtischweisheit war weise. Manches war übertrieben, manches vorschnell und manches schlicht falsch. Vorurteile fanden dort ebenso ihren Platz wie Gerüchte, Selbstüberschätzung und politische Grosswetterlagen, die nach dem dritten Bier regelmässig vom Tisch aus geregelt wurden. Der Stammtisch war auch nicht immer offen für alle. Oft war er eine Männerwelt, in der die lauteste Stimme mehr Gewicht erhielt als das beste Argument.

Das Bild ist aus dem Berichtstext mit KI generiert / PBo

Und dennoch erfüllte er eine gesellschaftlich wichtige Aufgabe: Die Menschen mussten einander ins Gesicht schauen.

Wer am Stammtisch den politischen Gegner als weltfremden Ideologen, herzlosen Kapitalisten, sturen Bauern oder trägen Beamten bezeichnete, sass diesem Menschen weiterhin gegenüber. Man kannte seine Familie, seine Arbeit, seine Sorgen und seine Eigenheiten. Vielleicht hatte er einem schon einmal das Auto repariert, bei der Steuererklärung geholfen, das Kind unterrichtet oder am Dorffest eine zusätzliche Schicht übernommen.

So blieb der politische Gegner ein Mensch.

Genau diese Erfahrung droht heute verloren zu gehen. Viele traditionelle Treffpunkte verschwinden. Restaurants schliessen, Vereine kämpfen um Mitglieder, Dorfbeizen werden zu Wohnungen, und politische Diskussionen verlagern sich ins Internet. Dort begegnen wir häufig nicht mehr den Menschen aus unserer unmittelbaren Umgebung, sondern vor allem jenen, die unsere Ansichten bestätigen.

Die digitale Welt verbindet uns über grosse Distanzen – und kann uns gleichzeitig innerhalb der eigenen Gemeinde voneinander entfernen. Ein Kommentar ist schnell geschrieben. Ein Urteil ist rasch gefällt. Wer widerspricht, wird ausgeblendet, blockiert oder beschimpft. Der Mensch hinter der Meinung verschwindet. Zurück bleibt ein Profilbild, über das man sich empören kann, ohne ihm am nächsten Morgen beim Bäcker begegnen zu müssen.

Der Stammtisch zwang zu einer anderen Form des Umgangs. Nach dem Streit blieb man sitzen. Man bestellte noch eine Runde, teilte eine Portion Pommes oder half gemeinsam, wenn plötzlich ein Säuli durch die Gaststube rannte. Die Diskussion konnte heftig sein, doch sie beendete nicht zwangsläufig die Beziehung. Am folgenden Donnerstag traf man sich wieder.

Gerade für eine Gemeinde ist dieser Austausch von unschätzbarem Wert. Gemeinschaft entsteht nicht dadurch, dass alle gleich denken. Sie entsteht dort, wo Menschen mit unterschiedlichen Interessen und Überzeugungen lernen, ihre Gegensätze auszuhalten. Eine lebendige Gemeinde braucht Orte, an denen Meinungen nicht nur verkündet, sondern ausgetauscht werden. Sie braucht Räume, in denen man zuhören, widersprechen, lachen und gelegentlich auch den eigenen Standpunkt hinterfragen kann.

Vielleicht muss dieser Ort heute nicht mehr zwingend ein traditioneller Stammtisch sein. Es kann ein Vereinslokal, ein Quartiertreff, ein Dorfmarkt, ein Kulturhaus, ein Begegnungscafé oder eine offene Gesprächsrunde sein. Entscheidend ist nicht die Form des Tisches. Entscheidend ist, dass Menschen wieder gemeinsam an einem Tisch sitzen.

Denn Demokratie lebt nicht allein von Abstimmungen, Wahlzetteln und Behörden. Sie lebt vom Gespräch zwischen den Abstimmungen. Sie lebt davon, dass wir uns nicht nur als Vertreter politischer Lager begegnen, sondern als Nachbarn, Vereinskollegen, Berufsleuten und Mitmenschen.

Wenn der Stammtisch verstummt, verschwindet deshalb mehr als eine alte Gewohnheit. Es geht ein Stück jener Alltagskultur verloren, die eine Gemeinde zusammenhält. Wo nicht mehr miteinander gesprochen wird, wird bald übereinander gesprochen. Und wo man einander nur noch aus der Entfernung beurteilt, wachsen Misstrauen, Vorurteile und gesellschaftliche Gräben.

Die Geschichte aus dem «Faden Hirschen zum Rhein» zeigt deshalb trotz aller Übertreibung etwas Wesentliches: Hans Heiri, Ernst, Marcel, Kurt und Franz werden sich politisch vermutlich nie einig werden. Das müssen sie auch nicht. Wichtiger ist, dass sie einander widersprechen können, ohne einander als Menschen aufzugeben.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Bedeutung des Stammtisches: Er war keine Börse, an der fertige Meinungen gehandelt wurden. Er war eine Werkstatt der Gemeinschaft. Es wurde gehämmert, gestritten, verbessert und gelegentlich auch etwas beschädigt. Doch am Ende sass man noch immer zusammen.

Und manchmal genügte ein Glas, ein Lachen oder ein ausgebüxtes Säuli, um daran zu erinnern, dass eine Gemeinde nicht aus gleichdenkenden Menschen besteht, sondern aus Menschen, die trotz ihrer Unterschiede bereit sind, miteinander weiterzuleben.

In diesem Sinne, habt alle eine gute Zeit, lasst es Euch gut gehen und habt immer nette Leute um Euch.

Peter Bolli

zum-Themen-Verzeichnis

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen